87 Prozent suchen ihre Gesundheit online

71 Prozent können nicht beurteilen, was sie da finden.

Stand: 12. August 2026 | Autor: Detlef Ostfeld. Düsseldorf.

Es gibt in der Gesundheitskommunikation gerade eine bequeme Erzählung. Sie geht so: Die Suche verlagert sich zu KI, also müssen wir jetzt eben auch für KI optimieren. Ein Kanal mehr, ein Budget-Posten mehr, weiter im Text.

Die Zahlen sagen etwas anderes. Sie erzählen von Menschen, die immer mehr finden und immer weniger einordnen können. Das ist kein Kanalproblem. Das ist ein Vertrauensproblem, und es entscheidet in den nächsten drei Jahren darüber, welche Gesundheitsmarken in Antworten vorkommen und welche nur noch in ihrem eigenen CMS.


Das Wichtigste in Kürze

  • 87 Prozent der Erwachsenen in Deutschland haben schon gezielt online nach Gesundheitsinformationen gesucht. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es 97 Prozent, bei den über 60-Jährigen 82 Prozent. (forsa im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, August 2025, n=2.002)
  • 68 Prozent derjenigen, die KI-Chatbots kennen, haben sie bereits für Gesundheitsfragen genutzt. Damit rangiert KI hinter Suchmaschinen (99 Prozent) und Gesundheitsportalen (92 Prozent) auf Platz drei.
  • 47 Prozent aller Krankenversicherten nutzen KI-Chatbots inzwischen aktiv für Gesundheitsfragen, 17 Prozent davon regelmäßig. Bei den 18- bis 34-Jährigen sind es 71 Prozent. (Deloitte, Januar 2026, n=1.000)
  • 82,3 Prozent der gesundheitsbezogenen Suchanfragen in Deutschland lösen ein Google AI Overview aus. Kein anderes Themenfeld liegt höher. (SE Ranking, Erhebung Mai 2025)
  • 71,1 Prozent der Bevölkerung verfügen über eine geringe digitale Gesundheitskompetenz. 78,5 Prozent haben Schwierigkeiten einzuschätzen, wie vertrauenswürdig eine gefundene digitale Information ist. (HLS-GER 3, Universität Bielefeld, Erhebung Okt. 2024 bis Jan. 2025, n=2.648)
  • 93 Prozent halten Qualitätssicherung bei Gesundheitsinhalten im Netz für wichtig.

Kurz: Die Reichweite ist da. Die Urteilsfähigkeit fehlt. Und genau in diese Lücke schreibt jetzt eine Maschine.


Die Suche ist keine Suche mehr. Sie ist eine Kette.

Früher war die Recherche ein Ereignis. Symptom eintippen, Ergebnisliste, fertig oder nicht fertig.

Heute läuft sie in Etappen ab, und jede Etappe hat einen eigenen Ort:

  1. Orientierung. Was ist das, ist das normal, muss ich mir Sorgen machen.
  2. Einordnung. Welches Medikament, welche Wechselwirkung, welche Nebenwirkung.
  3. Prüfung. Stimmt das, wer sagt das, wem glaube ich.
  4. Handlung. Termin, Telemedizin, E-Rezept, Apotheke.

Die meistgesuchten Themen zeigen, wo die Masse liegt: Medikamente und Arzneimittel (65 Prozent), Krankheiten (62 Prozent), Symptome (60 Prozent), Selbstbehandlung wie Hausmittel (59 Prozent). Danach folgen Ernährung (54 Prozent) und Behandlungsmöglichkeiten (52 Prozent).

Das ist bemerkenswert unspektakulär. Die häufigste Frage im deutschen Gesundheitsinternet ist nicht die exotische Indikation. Es ist die Packungsbeilage, übersetzt in Alltagssprache.

Wer als Marke nur seine Indikation erklärt und dort aufhört, bedient Etappe eins und überlässt die Etappen zwei bis vier jemand anderem. Meistens einem Modell.


KI ist im Vorfeld der Versorgung angekommen

Die Bertelsmann-Erhebung vom August 2025 war schon deutlich: 72 Prozent kennen KI-Chatbots, 68 Prozent der Kenner nutzen sie für Gesundheitsfragen, 14 Prozent davon häufig.

Ein knappes halbes Jahr später hat Deloitte nachgemessen und kommt auf 47 Prozent aktive Nutzung in der Gesamtbevölkerung der Versicherten. Bei den Jüngeren auf 71 Prozent. Das sind unterschiedliche Fragestellungen und unterschiedliche Basen, sie sind nicht direkt vergleichbar. Die Richtung ist trotzdem eindeutig, und sie ist steil.

Dazu kommen zwei Entwicklungen aus 2026, die man in Deutschland gern noch als amerikanisches Randthema behandelt:

ChatGPT Health. OpenAI hat Anfang 2026 einen eigenen Gesundheitsbereich vorgestellt, mit gesonderter Verschlüsselung und der Perspektive, Aktendaten einzubinden. Der Zugang läuft zunächst über eine Warteliste. Nach Angaben des Unternehmens stellen wöchentlich mehrere Hundert Millionen Menschen Gesundheitsfragen an ChatGPT.

Google skaliert weiter. Auf The Check Up im März 2026 nannte Google eine Milliarde Gesundheitsanfragen pro Tag. Innerhalb der KI-Zusammenfassungen schaltet Google bei Gesundheitsthemen keine Werbung, die Kategorie gilt als sensibel. Anders gesagt: Der größte Gesundheitskanal der Welt ist an dieser Stelle nicht kaufbar. Man kommt dort nur durch Inhalt und Quellenlage hinein.

Für die Praxis heißt das, dass sich die Frageform verschiebt. Aus „Ibuprofen Nebenwirkungen“ wird „Ich nehme Ibuprofen und Ramipril, worauf muss ich achten und wann rufe ich in der Praxis an“. Auf diese Frage antwortet kein Ranking. Darauf antwortet ein Modell, das sich aus Quellen bedient, die es für belastbar hält.


Der Punkt, an dem es unangenehm wird

Jetzt die Zahl, die in den meisten Präsentationen fehlt.

Der HLS-GER 3 der Universität Bielefeld hat zwischen Oktober 2024 und Januar 2025 rund 2.650 Menschen persönlich befragt. Ergebnis: 55,7 Prozent haben eine geringe allgemeine Gesundheitskompetenz. Bei der digitalenGesundheitskompetenz sind es 71,1 Prozent.

Beides hat sich verbessert, um 3,1 beziehungsweise 4,7 Prozentpunkte gegenüber 2019/2020. Der Trend zeigt nach oben. Das Niveau ist trotzdem ernüchternd.

Interessant wird es beim Blick darauf, woran es genau hakt:

Schritt der InformationsverarbeitungAnteil mit geringer Kompetenz
Finden46,7 %
Verstehen44,9 %
Beurteilen72,6 %
Anwenden52,7 %

Finden können die Leute. Verstehen halbwegs. Beurteilen können sie nicht.

Und im digitalen Raum wird es noch schärfer: 78,5 Prozent tun sich schwer damit einzuschätzen, ob eine gefundene digitale Information vertrauenswürdig ist. 78,3 Prozent können nicht beurteilen, ob kommerzielle Interessen hinter einem Angebot stehen.

Dazu passt, was die Menschen selbst berichten. Anteile, die sich bei Gesundheitsthemen mindestens gelegentlich falsch informiert gefühlt haben:

KanalAnteil
Social Media59 %
Suchmaschinen47 %
KI-Chatbots41 %
Messengerdienste37 %
Gesundheitsportale26 %

Gesundheitsportale schneiden am besten ab. Redaktionelle Struktur, medizinische Prüfung und erkennbare Verantwortung zahlen also messbar auf wahrgenommene Verlässlichkeit ein. Das ist eine gute Nachricht für alle, die in Qualität investiert haben, und eine schlechte für alle, die Content nach Volumen einkaufen.


Was daraus für Marken folgt

Ich halte drei verbreitete Reflexe für falsch.

Falsch: mehr Content. Die Antwort auf ein Beurteilungsproblem ist nicht mehr Material. Eine Analyse deutscher AI Overviews im Gesundheitsbereich vom April 2026 zeigt, dass ein erheblicher Teil der zitierten Quellen keine formale medizinische Qualitätssicherung durchläuft, und dass YouTube zu den am häufigsten herangezogenen Quellen zählt. Wer in dieses Feld noch mehr ungeprüftes Material kippt, verschärft das Problem, das er zu lösen vorgibt.

Falsch: SEO umbenennen. GEO ist kein neues Etikett auf der alten Disziplin. Klassisches SEO optimiert auf Position. Modelle greifen auf etwas anderes zu: auf Übereinstimmung zwischen mehreren Quellen, auf erkennbare Autorschaft, auf Aktualität, auf Zitierbarkeit einzelner Aussagen. Eine Seite, die auf Platz eins rankt und trotzdem in keiner KI-Antwort auftaucht, ist inzwischen ein Alltagsbefund.

Falsch: Kanäle sortieren. Die Journey läuft quer. Jemand fragt nachts ein Modell, prüft morgens ein Portal, sieht mittags ein Video und steht nachmittags in der Apotheke. Wenn diese vier Kontakte unterschiedliche Aussagen liefern, entsteht genau das Gefühl, das 47 Prozent bei Suchmaschinen und 41 Prozent bei Chatbots schon kennen.

Was stattdessen trägt:

Antworte auf die zweite Frage. Nicht auf die Indikation, sondern auf das, was danach kommt. Kombination mit anderen Präparaten. Wann Selbstbehandlung endet. Was in der Schwangerschaft gilt. Diese Antworten sind spezifisch genug, dass ein Modell sie zuordnen kann.

Mach Evidenz maschinenlesbar. Autor mit Qualifikation, Datum der letzten Prüfung, Primärquelle mit Link, klare Trennung von Redaktion und Werbung, saubere Auszeichnung im Markup. Das sind keine Compliance-Pflichten. Das sind die Signale, an denen ein System entscheidet, ob es dich zitiert.

Bau eine Position, keine Bibliothek. Zwanzig geprüfte, aktuelle, klar verantwortete Seiten schlagen zweihundert generische. Das gilt inzwischen auch quantitativ, weil KI-Systeme Widersprüche innerhalb einer Domain bestrafen.

Nutz die Apotheke als Übersetzer. Die häufigsten Suchthemen sind Arzneimittel und Selbstbehandlung. Das ist exakt der Beratungskern der Offizin. Wer diesen Kontakt digital anschlussfähig macht, überführt eine unsichere Recherche in eine belastbare Entscheidung. Das ist der Punkt, an dem Vertrauen entsteht und Umsatz gleich mit.


Die Versorgung zieht nach, langsamer als erwartet

Der E-Health-Monitor 2025 von McKinsey ordnet ein, was daneben passiert. Das E-Rezept ist durch: von 18 Millionen digitalen Einlösungen 2023 auf über 540 Millionen 2024, bis Ende Juli 2025 weitere 340 Millionen, im Oktober 2025 das milliardste. Etwa 40 Prozent aller GKV-Verordnungen.

Die ePA sieht auf dem Papier ähnlich gut aus. Rund 70 Millionen Akten im Opt-out, nur etwa 5 Prozent Widerspruch. Die tatsächliche Nutzung hängt hinterher: im Dezember 2025 rund 4,2 Millionen registrierte GesundheitsIDs, etwa 6 Prozent der gesetzlich Versicherten. Rund die Hälfte der Praxen greift beim Rezept vorsichtshalber weiter zum Papier.

Zwischen formaler Verbreitung und gelebter Nutzung liegt also eine breite Lücke. Sie ist keine Randnotiz. Sie ist der Ort, an dem digitale Gesundheitskommunikation im nächsten Schritt gewinnt oder verliert.


Häufige Fragen

Wie viele Menschen in Deutschland suchen online nach Gesundheitsinformationen? 87 Prozent der Erwachsenen haben das bereits gezielt getan. Bei den 18- bis 29-Jährigen sind es 97 Prozent, bei den über 60-Jährigen 82 Prozent. Frauen liegen mit 91 Prozent vor Männern mit 83 Prozent. Quelle: forsa im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, August 2025.

Wie stark werden KI-Chatbots für Gesundheitsfragen genutzt? 68 Prozent derjenigen, denen KI-Chatbots bekannt sind, haben sie schon für Gesundheitsrecherche eingesetzt (forsa, August 2025). Eine Deloitte-Befragung vom Januar 2026 kommt auf 47 Prozent aktive Nutzung unter Krankenversicherten, bei den 18- bis 34-Jährigen auf 71 Prozent.

Welche Kanäle gelten als am wenigsten verlässlich? Social Media. 59 Prozent der Nutzenden haben sich dort mindestens gelegentlich falsch informiert gefühlt. Bei den unter 30-Jährigen sind es 71 Prozent. Gesundheitsportale liegen mit 26 Prozent am unteren Ende.

Was ist der Unterschied zwischen SEO und GEO im Gesundheitsbereich? SEO zielt auf eine Position in der Ergebnisliste. GEO zielt darauf, in generierten Antworten als Quelle, Kontext oder Empfehlung aufzutauchen. Dafür zählen Konsistenz über mehrere Quellen, erkennbare Autorschaft, Aktualität und zitierfähige Einzelaussagen stärker als klassische Rankingfaktoren.

Wie häufig erscheinen KI-Antworten bei Gesundheitssuchen? In Deutschland lösten 82,3 Prozent der gesundheitsbezogenen Suchanfragen ein Google AI Overview aus (SE Ranking, Erhebung Mai 2025). International liegt der Anteil bei medizinischen YMYL-Anfragen laut Ahrefs bei rund 44 Prozent gegenüber etwa 20 Prozent über alle Kategorien. Die Werte hängen stark von Keyword-Set, Land und Messmethode ab.

Ähnliche Beiträge